Vegan-Zoff: Tierschutz erntet Kritik für Fleisch-Label-Ratgeber
Nach Daten von Nau.ch streiten Schweizer Tierschutzorganisationen über einen neuen «Label-Kompass» des Schweizer Tierschutzes (STS) für Fleisch-, Ei- und Milchprodukte.

Im Kern steht die Frage, ob gestaffelte Labels das Tierwohl verbessern oder das System stabilisieren, das Leid erzeugt. Der Konflikt verläuft mitten durch die Tierschutzszene.
STS-Position und Kritik
Der Schweizer Tierschutz gliedert den Kompass in vier Stufen: sehr gut, gut, ausreichend, unbefriedigend. Formuliertes Ziel: «Wenig, aber bessere tierische Proteine – nachhaltig produziert, mit Respekt gegenüber Nutztieren, Natur und Umwelt.» STS-Sprecher Manuel Iseli begründet das Vorhaben gegenüber Nau.ch mit der «gesellschaftlichen Realität» der Nutztierhaltung. Verbessert werden solle, was sich nicht abschaffen lässt.
Animal Rights Switzerland lehnt diesen Ansatz grundsätzlich ab. Geschäftsleiterin Céline Schlegel sagt: «Viel Tierleid ist auch in der Labelproduktion erlaubt.» Selbst bestbewertete Labels ignorierten zentrale Leidensformen – die Panik und Atemnot von Schweinen bei der CO2-Betäubung, schmerzhafte Brustbeinbrüche bei Legehennen. Für Schlegel ist das «Vegan-Label» das einzig vertrauenswürdige Zeichen.
Swissveg warnt vor dem «Moral Licensing»-Effekt. Laut stellvertretendem Geschäftsführer Lubomir Yotov begrüsst die Organisation mehr Transparenz, betont aber: «Auch die besten Tierwohl-Labels täuschen nicht darüber hinweg, dass Tiere letztlich für Lebensmittel genutzt und getötet werden.» Wer mit gutem Gewissen ein Labelprodukt kaufe, stelle seinen Konsum selten grundsätzlich infrage.
Die Zahlen hinter der Debatte
Wildbeimwild.com liefert die Grössenordnung: 2025 wurden in der Schweiz über 86 Millionen «Nutztiere» geschlachtet – 164 pro Minute, 9 859 pro Stunde, rund 40 636 mehr als 2024. 2014 lag die Zahl noch bei 68 Millionen. Der Anstieg geht vor allem auf Geflügel zurück. Die Schweizer Label-Landschaft wuchs im selben Zeitraum – die Zahl der getöteten Tiere ebenfalls. Ein Widerspruch, der über die Schweiz hinausreicht.
Was das für Halter bedeutet
Auch in der Heimtierhaltung entscheiden Mindestmasse für Käfiggrösse, Einstreutiefen und Gruppenstruktur darüber, wieviel Stress ein Tier erfährt. Grundregel: Standards setzen eine Untergrenze, kein Optimum. Handlungsraster daraus: Jedes Label, Mindestmass oder Konzept im eigenen Mäusegehege darauf prüfen, welche Bedürfnisse es tatsächlich abdeckt – Rückzugsorte, Grabmöglichkeiten, ausreichend Raum für Reviermarkierung und stabilen Sozialkontakt. Was das Verhalten tatsächlich benötigt, sollte über jedes «Gütesiegel» gestellt werden. Die Schweizer Debatte verändert nichts im heimischen Käfig. Sie zeigt aber, dass gestaffelte Bewertungen kritikwürdig bleiben, wenn die Gesamtzahl der Betroffenen gleichzeitig wächst.